Nachhaltigkeitsstrategie im Einkauf 2026: Messbare Wirkung statt grüner Absichtserklärungen
Einleitung: Der Paradigmenwechsel ist vollzogen
Nachhaltigkeit in der Lieferkette hat sich von einem „Nice-to-have“ zu einem strategischen Imperativ entwickelt. 2026 markiert dabei einen entscheidenden Wendepunkt: Die Zeit der allgemeinen Bekenntnisse und vagen Zielsetzungen ist vorbei. Regulatorischer Druck, Investorenanforderungen und Kundenerwartungen fordern messbare Ergebnisse, produktspezifische Transparenz und nachweisbare Wirkung.
Der Einkauf steht im Zentrum dieser Transformation. Als Schnittstelle zur Lieferkette trägt er die Hauptverantwortung dafür, dass Nachhaltigkeitsziele nicht nur formuliert, sondern auch erreicht werden. Gleichzeitig eröffnet diese Verantwortung enorme Chancen: Unternehmen, die Nachhaltigkeit strategisch nutzen, verbessern nicht nur ihre ESG-Performance, sondern auch ihre Wettbewerbsposition, ihre Reputation und ihre Resilienz.
Regulatorischer Kontext: Von LkSG zu CSDDD – die Anforderungen steigen
Das deutsche Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG)
Seit 2023 verpflichtet das LkSG Unternehmen mit mehr als 3.000 Mitarbeitern (ab 2024: mehr als 1.000 Mitarbeitern) zur Einhaltung menschenrechtlicher und umweltbezogener Sorgfaltspflichten in ihren Lieferketten. Die Anforderungen umfassen:
- Risikoanalysen entlang der Lieferkette
- Präventionsmaßnahmen bei identifizierten Risiken
- Beschwerdemechanismen für Betroffene
- Regelmäßige Berichterstattung
Die EU Corporate Sustainability Due Diligence Directive (CSDDD)
Die CSDDD, die voraussichtlich 2026 das LkSG ablösen wird, geht deutlich weiter:
- Erweiterter Anwendungsbereich: Mehr Unternehmen sind betroffen (niedrigere Schwellenwerte)
- Umfassendere Sorgfaltspflichten: Nicht nur direkte Lieferanten, sondern die gesamte Wertschöpfungskette
- Klimabezogene Verpflichtungen: Unternehmen müssen sicherstellen, dass ihre Geschäftsstrategie mit dem 1,5-Grad-Ziel des Pariser Abkommens vereinbar ist
- Zivilrechtliche Haftung: Verstöße können zu Schadensersatzforderungen führen
Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD)
Parallel dazu verschärft die CSRD die Berichtspflichten. Unternehmen müssen detailliert über ihre Nachhaltigkeitsleistung berichten – und diese Berichte werden extern geprüft. Die Daten, die für die CSRD-Berichterstattung erhoben werden, fließen direkt in externe Ratings ein und beeinflussen damit Finanzierungskonditionen, Investorenentscheidungen und Geschäftsbeziehungen.
Von Compliance zu Competitive Advantage: Nachhaltigkeit als strategisches Asset
Verbesserte Nachhaltigkeitsratings als Wettbewerbsvorteil
Nachhaltigkeitsratings wie EcoVadis, CDP oder MSCI ESG Ratings haben direkten Einfluss auf:
- Zugang zu Kapital: Investoren bevorzugen Unternehmen mit hohen ESG-Scores
- Kundenbeziehungen: Immer mehr Unternehmen fordern von ihren Lieferanten Nachweise zur Nachhaltigkeitsleistung
- Talentgewinnung: Fachkräfte wählen zunehmend Arbeitgeber nach deren Nachhaltigkeitsengagement aus
- Markenreputation: Eine starke ESG-Performance stärkt das Vertrauen von Stakeholdern
Die gute Nachricht: Die Daten, die ohnehin für die CSRD-Berichterstattung erhoben werden müssen, können gezielt genutzt werden, um diese Ratings zu verbessern. Der Einkauf spielt dabei eine Schlüsselrolle, denn ein Großteil der ESG-Risiken und -Chancen liegt in der Lieferkette.
Transparenz als Vertrauensfaktor
Produktspezifische Transparenz wird zum entscheidenden Differenzierungsmerkmal. Digitale Produktpässe (DPP), die Informationen über Herkunft, Materialzusammensetzung, CO₂-Fußabdruck und Arbeitsbedingungen enthalten, werden zunehmend zur Norm. Unternehmen, die diese Transparenz bieten können, gewinnen das Vertrauen von Kunden, Investoren und Regulatoren.
Scope-3-Emissionen: Der größte Hebel für Klimaschutz
Für die meisten Unternehmen entfallen 70-90% der Treibhausgasemissionen auf Scope 3 – also auf die vor- und nachgelagerte Wertschöpfungskette. Der Einkauf ist der entscheidende Hebel, um diese Emissionen zu reduzieren:
- Lieferantenauswahl: Bevorzugung von Lieferanten mit ambitionierten Klimazielen
- Lieferantenentwicklung: Unterstützung von Lieferanten bei der Dekarbonisierung
- Materialwahl: Umstellung auf CO₂-ärmere oder kreislauffähige Materialien
- Logistikoptimierung: Reduzierung von Transportemissionen durch intelligente Routenplanung und Konsolidierung
Praxisauswirkungen: Was bedeutet das für den Einkauf?
Neue Anforderungen an das Lieferantenmanagement
Der Einkauf muss seine Lieferantenmanagement-Prozesse grundlegend erweitern:
Onboarding: Bereits bei der Auswahl neuer Lieferanten müssen ESG-Kriterien systematisch berücksichtigt werden. Self-Assessment-Fragebögen, Zertifizierungen und Audits werden zum Standard.
Performance-Monitoring: Die Nachhaltigkeitsleistung von Lieferanten muss kontinuierlich überwacht werden. KPIs wie CO₂-Emissionen, Wasserverbrauch, Abfallquoten und soziale Standards werden genauso wichtig wie Preis, Qualität und Lieferzeit.
Entwicklung und Zusammenarbeit: Statt Lieferanten mit schlechter ESG-Performance einfach auszutauschen, geht der Trend zur partnerschaftlichen Entwicklung. Gemeinsame Projekte zur Emissionsreduktion, Schulungen und der Austausch von Best Practices stärken die gesamte Lieferkette.
Risikomanagement: ESG-Risiken – von Menschenrechtsverletzungen über Umweltverschmutzung bis zu Korruption – müssen systematisch identifiziert, bewertet und mitigiert werden.
Datenmanagement als Kernkompetenz
Ohne Daten keine Nachhaltigkeit. Der Einkauf muss in der Lage sein:
- ESG-Daten zu erheben: Von Lieferanten, aus Audits, aus öffentlichen Quellen
- Daten zu validieren: Greenwashing erkennen und echte Performance messen
- Daten zu analysieren: Hotspots identifizieren, Trends erkennen, Fortschritte messen
- Daten zu berichten: Intern für Entscheidungen, extern für Compliance und Ratings
Die Implementierung geeigneter IT-Systeme – von Lieferantenportalen über ESG-Datenbanken bis zu integrierten S2P-Plattformen mit Nachhaltigkeitsmodulen – ist unerlässlich.
Neue Kompetenzen im Einkaufsteam
Die Anforderungen an Einkäufer verändern sich fundamental:
- ESG-Expertise: Verständnis für Nachhaltigkeitsstandards, Zertifizierungen und regulatorische Anforderungen
- Datenanalytik: Fähigkeit, komplexe ESG-Daten zu interpretieren und daraus Handlungen abzuleiten
- Stakeholder-Management: Enge Zusammenarbeit mit Nachhaltigkeitsabteilungen, Compliance, Recht und externen Partnern
- Change Management: Fähigkeit, Lieferanten und interne Stakeholder für Nachhaltigkeitsziele zu gewinnen
Handlungsempfehlungen: Der Weg zur nachhaltigen Lieferkette
1. Vorbereitung auf CSDDD
Warten Sie nicht, bis die Richtlinie in nationales Recht umgesetzt ist. Beginnen Sie jetzt:
- Gap-Analyse: Wo stehen Sie heute in Bezug auf die CSDDD-Anforderungen?
- Prozesse erweitern: Bauen Sie Ihre Due-Diligence-Prozesse aus, um die gesamte Wertschöpfungskette abzudecken
- Klimastrategie entwickeln: Stellen Sie sicher, dass Ihre Beschaffungsstrategie mit dem 1,5-Grad-Ziel kompatibel ist
- Rechtliche Absicherung: Prüfen Sie Verträge und Haftungsrisiken
2. CSRD-Daten strategisch nutzen
Die CSRD-Berichterstattung ist mehr als eine Compliance-Übung:
- Datenqualität sicherstellen: Investieren Sie in robuste Datenerhebungs- und Validierungsprozesse
- Ratings im Blick behalten: Verstehen Sie, welche Daten in welche Ratings einfließen, und optimieren Sie gezielt
- Storytelling: Nutzen Sie die Berichterstattung, um Ihre Nachhaltigkeitserfolge sichtbar zu machen
- Interne Steuerung: Verwenden Sie die erhobenen Daten für strategische Entscheidungen, nicht nur für externe Berichte
3. Digitale Produktpässe implementieren
Bereiten Sie sich auf die kommende DPP-Pflicht vor:
- Pilotprojekte starten: Beginnen Sie mit ausgewählten Produktkategorien
- Lieferanten einbinden: Fordern Sie die notwendigen Daten ein und unterstützen Sie Lieferanten bei der Datenbereitstellung
- Technologie evaluieren: Prüfen Sie Blockchain- und andere Lösungen für sichere, manipulationssichere Datenübertragung
- Mehrwert kommunizieren: Nutzen Sie DPPs als Marketinginstrument gegenüber Kunden
4. Scope-3-Emissionen systematisch reduzieren
Entwickeln Sie eine klare Dekarbonisierungsstrategie für Ihre Lieferkette:
- Baseline etablieren: Erfassen Sie Ihre aktuellen Scope-3-Emissionen vollständig
- Hotspots identifizieren: Wo liegen die größten Emissionsquellen?
- Ziele setzen: Definieren Sie ambitionierte, aber realistische Reduktionsziele
- Maßnahmen umsetzen: Von Lieferantenwechsel über Materialsubstitution bis zu Logistikoptimierung
- Fortschritt messen: Etablieren Sie ein kontinuierliches Monitoring
5. Lieferantenentwicklung statt Lieferantenwechsel
Nachhaltigkeit ist eine gemeinsame Reise:
- Partnerschaften aufbauen: Identifizieren Sie strategische Lieferanten für gemeinsame Nachhaltigkeitsprojekte
- Wissen teilen: Bieten Sie Schulungen, Workshops und Best-Practice-Austausch an
- Anreize schaffen: Belohnen Sie Nachhaltigkeitsfortschritte durch langfristige Verträge oder höhere Volumina
- Transparenz fordern: Machen Sie ESG-Daten zur Voraussetzung für die Zusammenarbeit
Ausblick: Die Zukunft der nachhaltigen Beschaffung
Die Entwicklung wird sich weiter beschleunigen. Folgende Trends zeichnen sich ab:
KI-gestütztes ESG-Monitoring: Künstliche Intelligenz wird in der Lage sein, ESG-Risiken in Echtzeit zu identifizieren – durch die Analyse von Nachrichtenquellen, Social Media, Satellitenbildern und anderen Datenquellen.
Blockchain für Lieferkettentransparenz: Distributed-Ledger-Technologien werden die lückenlose Rückverfolgbarkeit von Produkten und die Verifizierung von Nachhaltigkeitsnachweisen ermöglichen.
Kreislaufwirtschaft als Standard: Der Übergang von linearen zu zirkulären Geschäftsmodellen wird die Beschaffung grundlegend verändern. Statt Produkte zu kaufen, werden Unternehmen zunehmend Nutzungsrechte erwerben oder Materialien im Kreislauf führen.
Regenerative Lieferketten: Der Fokus wird sich von „weniger Schaden“ zu „positiver Wirkung“ verschieben. Lieferketten, die aktiv zur Regeneration von Ökosystemen und zur Verbesserung sozialer Bedingungen beitragen, werden zum Differenzierungsmerkmal.
Fazit: Nachhaltigkeit als strategischer Erfolgsfaktor
Die Unternehmen, die Nachhaltigkeit als strategisches Asset begreifen und nicht als regulatorische Last, werden die Gewinner von morgen sein. Der Einkauf hat die einzigartige Chance, diese Transformation zu gestalten und zum strategischen Partner des Unternehmens zu werden.
Die Herausforderungen sind groß – aber die Chancen sind größer. Messbare Nachhaltigkeitsleistung verbessert Ratings, stärkt die Reputation, reduziert Risiken und eröffnet neue Geschäftsmöglichkeiten. Die Zeit zu handeln ist jetzt.
Beginnen Sie mit einer ehrlichen Bestandsaufnahme, setzen Sie klare Prioritäten und starten Sie mit konkreten Projekten. Die regulatorischen Anforderungen werden nicht verschwinden – aber Sie können sie in einen Wettbewerbsvorteil verwandeln.